35 Jahre Six: Interview mit Gründer Ralph Kissner

500 Kunden und mehr als 2.000 realisierte Projekte: Im April 1991 wurde die Six Offene Systeme GmbH ins Handelsregister eingetragen und hat seitdem eine bewegte Geschichte hinter sich.

Dieses besondere Jubiläum ist für uns vor allem ein Moment des Dankes an unsere Kunden — für Vertrauen, für ehrliches Feedback und für die oft langjährige Zusammenarbeit! Und es ist Anlass für uns zurückzuschauen auf prägende Entscheidungen, frühe Pionierprojekte und die Entwicklung einer Branche, die sich immer wieder neu erfindet.

Im Gespräch erzählt Six-Gründer und -Geschäftsführer Ralph Kissner, was das Unternehmen damals wie heute antreibt und wie sich Six für die Zukunft aufstellt.

Wahlergebnisse um 18:15 Uhr online — in den 1990ern revolutionär!

Portraitfoto von Ralph Kissner

Frage: Ralph, 35 Jahre Six sind ein besonderes Jubiläum. Wie hat damals alles begonnen?

Ralph Kissner: Mein Lebenslauf passt im Grunde in zwei Zeilen: Ich habe vor etwas mehr als 35 Jahren an der Universität Kiel mein Diplom in Physik gemacht, mit Schwerpunkt theoretische Physik und dem Thema neuronale Netzwerke – was heute wieder erstaunlich aktuell ist.

Ich wollte nach dem Studium direkt selbstständig sein und habe gemeinsam mit einem Partner gegründet. Die erste Geschäftsidee hat allerdings nicht getragen. Ein zweites Modell rund um Macintosh-Netzwerke und Unix-Server war technologisch spannend, wirtschaftlich aber ebenfalls nicht besonders erfolgreich. Die erste größere Krise zwang uns dann zur Neuorientierung.

Die entscheidende Weichenstellung kam 1995: Wir haben uns auf Internettechnologie konzentriert, also auf die Verbindung von Datenbanken und Browsern. Damit waren wir damals sehr früh dran. Rückblickend war das die prägendste Entscheidung für Six – und die Grundlage für vieles, was wir bis heute machen.

Frage: Worauf bist du aus diesen frühen Jahren besonders stolz?

Ralph Kissner: Vor allem auf unsere Kunden und die ersten wirklich prägenden Projekte. 1995 und 1996 haben wir unter anderem ein frühes Online-Redaktionssystem für Bild der Wissenschaft entwickelt, für die TUI ein sehr frühes Online-Reisebuchungssystem umgesetzt und die Online-Darstellung von OB-Wahlergebnissen in Stuttgart ermöglicht. Am Sonntagabend um 18:15 Uhr konnten erstmals Auszählungsergebnisse online abgerufen werden – damals revolutionär. Diese Zeit war unglaublich spannend, weil wir gemerkt haben: Mit Technologie lassen sich Dinge möglich machen, die vorher schlicht nicht da waren.



Erste Kunden: TUI und Spektrum der Wissenschaft

Frage: Was hat sich im Vergleich zu früher besonders stark verändert?

Ralph Kissner: Vor allem die Rolle der Kundschaft. Früher wussten viele Kunden noch gar nicht genau, was technologisch möglich ist. Sie haben stärker auf Ideen, Erfahrung und Einschätzungen der Anbieter vertraut. Heute kommen sie häufig mit detaillierten Anforderungskatalogen, oft mit Unterstützung externer Beratung. Anbieter müssen dann jede einzelne Anforderung belegen und nachweisen. Dieses Verhältnis hat sich quasi umgedreht.

Frage: Gibt es Ideen aus der Anfangszeit, die Six bis heute prägen?

Ralph Kissner: Ja – vor allem das, was in unserem Namen steckt: offene Systeme. Ich bin bis heute überzeugt, dass sich offene Systeme langfristig gegenüber proprietären Ansätzen durchsetzen. Das zeigt sich seit Jahrzehnten immer wieder und gilt auch heute noch, etwa bei Schnittstellen, Protokollen oder KI-nahen Technologien.

Mich interessiert dabei weniger der kurzfristige Hype als die Frage, was nachhaltig trägt. Das gilt auch für Cloud-Themen. Natürlich nutzen wir heute selbst zentrale Strukturen, wo sie sinnvoll sind. Gleichzeitig müssen wir stärker über digitale Autonomie, geopolitische Abhängigkeiten und europäische Souveränität nachdenken. Wir haben uns über Jahre sehr bereitwillig in Abhängigkeiten begeben – das sieht man heute klarer denn je.

Frage: Gibt es Kundengeschichten, die dir besonders im Kopf geblieben sind?

Ralph Kissner: Da gibt es viele. Besonders prägend war sicher die Zusammenarbeit mit der TUI Mitte der 1990er Jahre. Wir waren damals in intensiven Gesprächen bis hin zum Vorstand und mussten bei manchen Anforderungen selbst erst herausfinden, wie wir sie sauber lösen.

Die TUI hat uns damals ein enormes Vertrauen entgegengebracht – trotz vieler Unsicherheiten auf beiden Seiten. Mein Partner und ich haben Verhandlungen mehrfach unterbrochen, um draußen bei einem Spaziergang zu besprechen, welchen Weg wir vorschlagen. So ein Vorgehen und dieses Maß an Vertrauen wären heute kaum noch denkbar. Am Ende haben wir Verantwortung übernommen, eine Lösung vorgeschlagen und sie auch geliefert. Diese Mischung aus Unsicherheit, Mut und Vertrauen war typisch für die Zeit.

Eine andere besondere Beziehung ist die mit Spektrum der Wissenschaft. Die Zeitschrift habe ich schon im Studium gern gelesen. Später wurde sie Kunde von Six – und wir betreuen sie heute seit über 30 Jahren. Solche langjährigen Partnerschaften bedeuten mir sehr viel.

Six-Team: Gute Mischung aus Erfahrung und neuen Perspektiven

Frage: Was ist bei Six trotz aller Veränderungen gleich geblieben?

Ralph Kissner: Was uns auszeichnet, ist aus meiner Sicht eine Kombination aus Neugier und Hingabe an Technologie. Im Team gibt es den Wunsch, mit Technologie reale Probleme zu lösen. Diese Haltung hat uns über die Jahre getragen und tut es bis heute.

Frage: Was möchtest du deinen Mitarbeitenden sagen?

Ralph Kissner: Ich finde es bemerkenswert, dass es bei Six Menschen gibt, die fast ihr gesamtes Berufsleben hier verbracht haben. Gleichzeitig kommen junge Kolleginnen und Kollegen dazu. Genau diese Mischung aus Erfahrung und neuen Perspektiven finde ich stark. Beide Seiten können voneinander lernen und genau daraus entstehen gute Ergebnisse.

Frage: Wie hat sich Unternehmensführung verändert?

Ralph Kissner: Sehr stark. Ein Unternehmen heute zu führen, ist etwas völlig anderes als vor 35 Jahren. Allein die Menge an Gesetzen, Vorschriften und regulatorischen Anforderungen ist massiv gestiegen. Dazu kommt, dass Führung heute andere Formen von Klarheit und Verbindlichkeit braucht.

Ich teile allerdings nicht das Klischee, dass jüngere Generationen grundsätzlich weniger arbeiten wollen. Das erlebe ich so nicht. Viele junge Kolleginnen und Kollegen leisten hervorragende Arbeit. Aber die Rahmenbedingungen, Erwartungen und Kommunikationsformen haben sich verändert – und darauf muss Führung reagieren.

Frage: Was ist heute komplexer geworden und wie gehst du damit um?

Ralph Kissner: Komplexer geworden sind sowohl Produktentwicklung als auch Marktansprache. Wir müssen genauer verstehen, was Kunden brauchen, und gleichzeitig Themen wie Security, Compliance und Governance mitdenken. Das macht Softwareentwicklung deutlich anspruchsvoller als früher.

Ein wichtiger Hebel ist deshalb Fortbildung. Wir versuchen heute viel bewusster, Weiterbildung im Zusammenspiel von Unternehmensinteressen, Kundenbedürfnissen und den Interessen der Mitarbeitenden zu organisieren. Gleichzeitig bleibt Lernen auch eine persönliche Haltung. Wer in einem technologiegetriebenen Umfeld arbeitet, braucht den inneren Antrieb, Neues verstehen zu wollen.

Frage: Wie hat sich dein Blick auf Work-Life-Balance und mobiles Arbeiten verändert?

Ralph Kissner: Da hat sich viel verändert, auch durch die Corona-Pandemie. Früher dachte man eher, man müsse Menschen im Büro haben, um Kontrolle zu behalten. Heute ist klar: Das ist in vielen Fällen gar nicht nötig. Homeoffice funktioniert sogar sehr gut, teilweise sogar besser, und spart vielen Mitarbeitenden lange Wege.

Gleichzeitig braucht Zusammenarbeit mehr als Videokonferenzen. Deshalb versuchen wir, beides zusammenzubringen: flexible Arbeitsformen und reale Begegnungen im Team. Work-Life-Balance heißt für mich nicht, Arbeit und Leben gegeneinanderzustellen, sondern beides gut miteinander zu verbinden.

"Ich würde heute nochmal gründen"

Frage: Was war rückblickend dein größter Fehler?

Ralph Kissner: Wahrscheinlich der, dass ich direkt nach dem Studium gegründet habe. Nicht, weil Gründen falsch wäre, sondern weil man am Anfang zwangsläufig viele Fehler macht. Und ich habe diese Fehler alle mit eigenem Geld bezahlt. Rückblickend wäre es klug gewesen, zunächst einige Jahre angestellt zu arbeiten, Erfahrung zu sammeln und erst danach zu gründen.

Frage: Was würdest du jungen Menschen mitgeben, die heute gründen wollen?

Ralph Kissner: Vor allem eins: Gründen bedeutet viel Arbeit, gerade in den ersten Jahren. Wirkliche Ruhe gibt es anfangs kaum. In meinen ersten zehn Jahren hatte ich pro Jahr maximal zwei bis drei Wochen Urlaub. Gleichzeitig ist das Umfeld heute in mancher Hinsicht einfacher, in anderer aber auch komplexer. Man kann flexibler und ortsunabhängiger arbeiten, aber der Softwaremarkt ist viel stärker ausdifferenziert und umkämpft als früher.

Ich würde auch heute nochmal gründen – einfach, weil ich gerne Unternehmer bin. Spannend fände ich vor allem zwei Felder: Materialwirtschaft, gerade mit Blick auf Nachhaltigkeit, Recyclingfähigkeit und Ressourcennutzung. Und Biomedizin beziehungsweise Biogenetik. In beiden Bereichen steckt aus meiner Sicht enorm viel Zukunft.

Frage: Was würdest du jungen Menschen mitgeben, die heute gründen wollen?

Ralph Kissner: Vor allem eins: Gründen bedeutet viel Arbeit, gerade in den ersten Jahren. Wirkliche Ruhe gibt es anfangs kaum. In meinen ersten zehn Jahren hatte ich pro Jahr maximal zwei bis drei Wochen Urlaub. Gleichzeitig ist das Umfeld heute in mancher Hinsicht einfacher, in anderer aber auch komplexer. Man kann flexibler und ortsunabhängiger arbeiten, aber der Softwaremarkt ist viel stärker ausdifferenziert und umkämpft als früher.

Ich würde auch heute nochmal gründen – einfach, weil ich gerne Unternehmer bin. Spannend fände ich vor allem zwei Felder: Materialwirtschaft, gerade mit Blick auf Nachhaltigkeit, Recyclingfähigkeit und Ressourcennutzung. Und Biomedizin beziehungsweise Biogenetik. In beiden Bereichen steckt aus meiner Sicht enorm viel Zukunft.

Frage: Wo siehst du Six in Zukunft?

Ralph Kissner: Wir arbeiten derzeit an einem neuen Produkt, das stark auf KI basiert. Mein Eindruck ist, dass der Prozess sehr typisch für Six ist: neugierig, technologisch ambitioniert und mit einem klaren Blick auf den Nutzen für unsere Kunden. Ich bin zuversichtlich, dass uns dieses Produkt zusammen mit unseren bestehenden Lösungen in den kommenden Jahren stark tragen kann. Insgesamt blicke ich deshalb optimistisch nach vorn. In diesem Sinne: lasst uns weiter neugierig und voller Tatendrang bleiben!